Mittwoch, März 08, 2006

Sagt nicht, ihr hättet nichts gewusst

Es ist Internationaler Frauentag und die taz hat mal wieder ein wundervolles Dossier zum Thema gebracht. Es geht um die Mutterschaft als gesellschaftliches Auslaufmodell - oder doch nicht? Wo es doch an den Müttern, vor allem an den potentiellen Müttern noch zu gebärender Kinder liegt, dass unsere demographische Kurve mal wieder etwas positiver aussieht.

Nennt mich einen Feigling, nennt mich einfach Realistin. Bestimmte Dinge muss ich nicht machen, um zu wissen, dass sie mir nicht gefallen, keinen Spass machen und obendrein schmerzhaft sind. Selbstverstümmelung ist allgemein verpönt, aber mir ohne Not einen Dammriss oder dauerhafte Inkontinenz einzuhandeln soll erstrebenswert sein?

Hier schreibt Kirsten Meinze über die Themen, über die Schwangere nicht gerne sprechen und wovon manche junge Mutter dann meint, das hätte sie nicht gewusst.

Hier ein paar besonders schöne Stellen zum Thema "Halt die Klappe und sei glücklich":

Die Horrorgeschichten habe ich alle erst hinterher erzählt bekommen. Geschichten vom zerrissenen Schließmuskel einer Kollegin, vom Baby eines Bekannten, das von der Geburt eine Behinderung behielt, von einer Tante, die bei einer ähnlichen Geburt wie meiner, allerdings in Bolivien, gestorben war. Gemessen daran geht es dem Kind und mir gut. (...) Als ich die Horrorgeschichten anderer Frauen dann hörte, war ich bereits durch Scheiße gewatet. Von der Geburt des Riesenkinds blieb ein Riss einmal längs. Das Urinieren brannte, und gegen die 30-minütigen Krämpfe auf dem Klo half nur das Klistier. Ich konnte nicht gehen, stehen, sitzen, das Kind nicht heben. Als ich die Kollegin fragte, warum sie mir nie vom Schließmuskel erzählt hat, sagte sie, sie habe mich nicht ängstigen wollen.

Vom Kühlen der Dammwunde bekam ich eine Blasenentzündung. Es folgten eine Brustentzündung (Weiterstillen!, befahl die Kinderärztin), Ekzeme, grippale Infekte, noch mehr Blasenentzündungen (keine Medikamente, weiterstillen!). Ein halbes Jahr Rückbildungsgymnastik später machte ich mir beim Husten noch immer in die Hose. Dem Bus hinterherlaufen? Joggen? Undenkbar. Stattdessen sollten Stromstöße aus einer kleinen Sonde meinen überdehnten Beckenboden trainieren. Der Erfolg hielt sich in Grenzen: Als ich mich mit einem Magenvirus übergeben musste, lief die Blase aus - leider nicht zu Hause. Später fragte ich eine befreundete Mutter, ob auch sie inkontinent sei. Sie bejahte, ihr Freund staunte: "Kriegt man danach Probleme mit der Blase?"

Nur in einem Buch habe ich etwas über Blasenschwäche und postnatale Angst vorm Tod gefunden. Den Übergang in die Mutterschaft, hieß es da außerdem, umgebe eine Verschwörung des Schweigens. Ich fragte also meine Hebamme, warum niemand Klartext über das Elend nach der Geburt rede. Sie antwortete tatsächlich: "Dann haben die Frauen doch noch mehr Angst vorm Kinderkriegen."

In dem Buch stand noch, dass Menschen, die sich angemessen informiert und unterstützt fühlen, mit Stress besser fertig werden. Ja, schön wär's gewesen. So aber habe ich beschlossen: nie wieder.


Und Heide Oestreich ist für diesen schönen Satz in ihrem Artikel über "Das große Muttern" zu danken:
Gerade die kinderlosen Frauen verhalten sich nach einem urtümlichen Mutterinstinkt: Sie lehnen es ab, unter ungünstigen Bedingungen Kinder in die Welt zu setzen.

Barbara Dribbusch berichtet, dass Eltern ein größeres Risiko haben, unter Depressionen zu leiden als Kinderlose und Lebensglück und Zufriedenheit im Alter nicht vom Kindersegen abhängt. Also doch "Wonne auch ohne Windel"?
Die traurigere Stimmung bei den Eltern zeigte sich unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Die meisten Gruppen der Eltern berichteten "von deutlich mehr Depressionen" als Kinderlose, resümierten die Forscher der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee in der Studie, die unter dem Titel "Clarifying the Relationship Between Parenthood and Depression" im Journal of Health and Social Behavior kürzlich veröffentlicht wurde. (...)

Bei ihrer Untersuchung benutzten die Experten Datenmaterial von 13.000 US-Amerikanern, die nach depressiven Symptomen befragt wurden wie etwa Einsamkeitsgefühlen, Konzentrationsschwierigkeiten, Ess- und Schlafstörungen. Dies unterscheidet die Erhebung von anderen Glücksstudien, wo Menschen ihr subjektives Gefühl von "Zufriedenheit" angeben müssen.

In der neuen US-Studie zeigt sich allerdings ein Unterschied zwischen den Elterngruppen: Alleinerziehende haben es schwerer als verheiratete Paare. Auch Mütter und Väter, die kein Sorgerecht für ihre Kinder besaßen, zeigten mehr Traurigkeit. Wenn die Kinder noch klein sind, haben die Eltern überdurchschnittlich oft mit Verstimmungen zu kämpfen. Keine der Elterngruppen zeigte geringere depressive Anzeichen als die Kinderlosen.


Die wirklich erschreckende und depressiv stimmende Meldung zum Internationalen Frauentag ist jedoch, dass South Dakota ein rigoroses Abtreibungsverbot erlassen und damit die Erfolge der Frauenbewegung der 1970er Jahre wieder auf "Los" zurückgeschubst hat. Adrienne Woltersdorf beschreibt in ihrem Artikel "Ein neuer Kreuzzug" die neue amerikanische Politik und Gesetzeslage.