Karikaturenstreit als Kulturkampf
Botho Strauss hat sich im Spiegel zu Wort gemeldet und stellt seine Sicht auf diesen Konflikt dar.
In der deutschen Geistesgeschichte gab es immer auch die östliche Sehnsucht, gab es zum Beispiel Nietzsche, der Karl Martell schmähte. Er habe mit seinen Feldzügen gegen die Araber im 8. Jahrhundert Europa um die Segnungen und Reichtümer der sarazenischen Kultur betrogen und unsere glückliche Islamisierung verhindert. Ob er in seinem tiefen antichristlichen Rigorismus dies Urteil auch angesichts der Terrorschläge von Dschihadisten und Salafisten aufrechterhalten hätte? Durchaus denkbar. Nichts bleibt unerbittlicher und eifernder als eine Anti-Passions-Passion. (...)
Integration, darunter versteht man bei uns vor allem Assimilierangebote. Am demokratischsten wäre der Verzicht auf Glaubensidentität und Sittenprägung. Für Ausbildung und berufliches Fortkommen empfiehlt sich die profane Gesinnung und Lebensform.
Folglich gehört der Junge, der gläubige Christ, das Kind, das Heimat kennt und Heimat fordert, so oder so zu einer verschwindenden Minderheit. Es wird ihm sein inneres Hab und Gut eher streitig gemacht von den Zwängen der Anpassung, der Vorteilssucht und des Karrieredenkens als von den Strenggläubigen des Propheten. Im Gegenteil, die Letzteren müssten ihn in seinem Glauben noch bestärken - er wird sich ihnen gerade in dem Maße entgegensetzen, wie sie ihm zum Vorbild dienen.
Sollten Regeln für das friedliche Miteinander in der Unvereinbarkeit festgelegt werden, so hätte als eine der ersten zu gelten, dass man Christen nicht als "Ungläubige" denunziert.
Um eine weitere Regel wird gegenwärtig gestritten: ob der Meinungsfreiheit eine Grenze zu setzen sei. Sie findet sie bereits beim Schutz der Person. Es ist nicht einzusehen, weshalb ein solcher Schutz nicht auch für die Sakralsphäre gewährt werden sollte, ohne dass damit demokratische Grundrechte aufs Spiel gesetzt würden.
Die religiös Indifferenten leben nicht mehr ganz unter sich in diesem Land. Der Verletzung sakraler Gefühle kommt daher eine andere Bedeutung zu als in der früheren Bundesrepublik. Sie sollte ebenso strafbar sein wie die Verletzung der Ehre.
Wie oft beschrieben, bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft. Seine diesseitigen Vorteile lässt man leicht außer acht, wenn man sich mit dem politisch-spirituellen Konflikt beschäftigt. Gleichwohl werden liberale Systeme mit ihrem Integrationsangebot, ihren Assimilierforderungen immer mit der innerislamischen Integration konkurrieren.
Mit anderen Worten, die angebliche Parallelgesellschaft ist eigentlich eine Vorbereitungsgesellschaft. Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleich-Gültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis. Selbstverständlich ist es für den aufgeklärten Westeuropäer der Born der Finsternis, der dies Leben in der Gemeinschaft unterhält und gut organisiert.
Als Experte für passagere Krisen fällt es ihm schwer, mit einem auf Dauer nicht lösbaren Konflikt zu leben. Mit seinem Sinn für das Vorübergehende muss er an ebendieser Dauer scheitern. Da nützt es ihm wenig, wenn er - zwischenzeitlich und vorübergehend - neue Quellen der Religiosität in seiner Welt entdeckt. Sie hören meistens nach dem Kirchentag schon wieder auf zu sprudeln. Andererseits gibt es eine Chance der Inspiration und der indirekten Beeinflussung, die von der unmittelbaren Nähe einer fremden und gegnerischen sakralen Potenz herrührt.
Sie sollte uns allerdings zu etwas mehr als zu Spott und Satire provozieren. In dieser Konkurrenz gilt es, unser eigenes Bestes aufzubieten, es neu zu bestimmen oder wiederzubeleben: das Differenziervermögen an oberster Stelle, das Schönheitsverlangen, geprägt von großer europäischer Kunst, Reflexion und Sensibilität - lauter Sinnes- und Geistesgaben, die in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind.
Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft. Schon das macht den "Dialog" nicht leichter. Für die Vorbereitungsgesellschaft wäre zwar auch unser Bestes heute nichts als Häresie, und doch - gäb's je ein globales Toledo, zumindest eine kurze Blütezeit westöstlicher Synergien, dann führte der Weg dorthin weniger über die Weltmärkte, technische Innovationen, Sitten und Moden, sondern wiederum über die Annäherung und den Disput zwischen den Schriftkulturen.
Der Konflikt ist nicht zu lösen, dafür aber fest umrissen und beendet die Periode der "neuen Unübersichtlichkeit". Mit der westlichen Einfühlung in einen unüberwindlichen Antagonismus, sakral/säkular, ist die herrschende Beliebigkeit, sind Synkretismus und Gleich-Gültigkeit in eine Krise geraten. Vielleicht darf man sogar sagen: Wir haben sie hinter uns. Es war eine schwache Zeit!
Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat daraufhin gleich reagieren müssen und seine Antwort auf Botho Strauss im eigenen Blatt veröffentlicht.
Unser Problem ist, daß den Islamisten die pure Existenz einer westlichen Kultur als Beleidigung gilt. Die arabisch-europäische Liga gemäßigter Muslime sagt das nicht geradeheraus, obwohl sie, unter großer Anteilnahme, gerade einen Holocaust-Karikaturenwettbewerb veranstaltet. Aber sie nennt eine Vision: "Wir erklären, daß wir den Gebrauch der arabischen Sprache zwischen unseren Völkern als lingua franca in ganz Europa befördern und wiederherstellen werden. Wir erklären, daß wir strukturelle Bindungen zwischen der arabischen Diaspora in Europa herstellen werden, um eine einzige Gemeinschaft in ganz Europa herzustellen. Und wir werden die Bindungen zwischen unserer Diaspora und der Arabischen Nation stärken." Die Frage ist, was eine Gesellschaft dem entgegenzusetzen hat, die allen Ernstes darüber diskutiert, ob ihre eigene Sprache auf Schulhöfen gesprochen werden soll. (...)
Wer ist Mehrheit, und wer ist Minderheit? Diese Frage, die Politiker aus naheliegenden Gründen nicht öffentlich zu stellen wagen, hat der Bevölkerungsforscher Herwig Birg längst beantwortet. Dabei geht es nicht um die Veränderungen der Mehrheitsverhältnisse in der Gesellschaft insgesamt, sondern um eine demographische Revolution von unten. (...)
Das ist ein fundamentaler Umformungsprozeß, der uns beruhigter sein lassen könnte, wenn wir nicht schon heute wüßten, daß eine wachsende Zahl dieser Zuwanderer oder ihrer Nachkommen in den letzten Jahren mehr von der sozialen Integrationskraft des Islam profitiert als von der Integrationskraft unserer Gesellschaft. Zur gleichen Zeit nämlich wird der explosive Jugendanteil in den despotisch regierten arabischen Ländern sich ein weiteres Mal erheblich verstärkt haben. (...)
Im Tagesspiegel vom 14.2.2006 erhellt Rüdiger Schaper die Texte von Botho Strauss und Frank Schirrmacher.
In der Frankfurter Rundschau kommt Ina Hartwig zu folgendem Ergebnis:
Religion, Heimat, Familie: Das sind, astrein durchdekliniert, konservative Großthemen, die Strauß für sich reklamiert, der verlorene Schönheitssinn gehört auch noch dazu, vulgo: Kultur. Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, wenn Strauß seine Selbstvergewisserung nicht an eine brenzlige, in der Tat stammtischhafte Melange aus Angst und Neid, kurz: aus Ressentiments, bände. Ist sein Feindbild der seiner Wurzeln verlustige Westeuropäer, so wäre sein Held der potente Konservative. Dass dieser, sozusagen als Schriftgelehrter wie einst Voltaire, in den religiösen Dialog eintreten könnte, ist die schöne Illusion dieses Gemütszustands.Und Eckhard Fuhr meint in der Welt, dass uns ein "Nüchterner Blick" Not tue
Sie reden sich gern ein, die Wut der islamischen Massen sei nur künstlich erzeugt von Mullahs und politischen Despoten. Eigentlich wollten diese Massen nichts anderes, als so zu leben, wie wir im Westen. Was die materielle Seite des Lebens betrifft, mag das ja stimmen. Aber bei allem, was darüber hinaus geht, sollten wir im Westen uns von dem Gedanken verabschieden, wir seien das heimlich bewunderte und fortschrittsgeschichtlich geadelte Vorbild.
In der taz vom 14.2.2006 kommentiert Christian Schneider das Bildverbot als Instrument der Aufklärung.
Das Bilderverbot ist eine Frühform der Aufklärung: Gegen den heidnisch-polytheistischen Konkretismus der Götzenverehrung setzt es die klare Linie des einen Gottes, der nicht darstellbar ist, weil er eine andere Qualität des Seins repräsentiert, als sie den Menschen zusteht. Das Bilderverbot richtet sich nicht auf Bilder schlechthin, sondern gegen das Kultbild. Es verwaltet die grundlegende Differenz zwischen Weltlichem und Göttlichem, indem es darauf beharrt, dass die göttliche Macht nicht repräsentiert werden kann, ohne sie zu verweltlichen.(...) Das Bilderverbot als Wächter über die Grenzlinie der beiden Reiche richtet sich insofern ursprünglich gegen die Aufladung des Politischen mit Theologischem. Jedenfalls im Geist der westlichen Aufklärung. (...) Nun ist es keineswegs so, dass es nur im Westen "Aufklärung" gegeben hat. Die islamische Aufklärung ist historisch bedeutend älter, anderen Inhalts - und ohne sie die westlich-christliche nicht denkbar. (...)
Zurzeit üben sich unsere Politiker darin, zu beteuern, dass es sich bei den Konflikten zwischen dem Westen und dem Islam keineswegs um einen Kampf der Kulturen handele. Die Beteuerung erinnert indes allzu sehr an Pfeifen im Wald. Islam und Christentum haben sich über 1.400 Jahre gegenseitig als "den Anderen" betrachtet. (...) Islam und Christentum teilen eine teleologische Auffassung der Geschichte ebenso wie den Glauben an die Überlegenheit ihrer Werte. Gerade diese Ähnlichkeit macht die eklatanten Unterschiede in der Bewertung von Individuum, Gemeinschaft und ihrem Zusammenhang so prekär und die fundamentale Differenz in der Stellung der Religion im politischen Leben so konfliktuös. (...)
(...) Der so genannte "Kampf der Kulturen" besteht nicht zuletzt darin, dass die jeweils andere Kultur Züge des eigenen Untergegangenen spiegelt. Eben diese Konfrontation mit dem fremd gewordenen Ähnlichen wirkt dann schockierend. Oder anziehend: Haben nicht noch vor kurzem deutsche Konservative öffentlich bekannt, wie sehr sie die religiöse Inbrunst der Muslime berührt - und sich dabei positiv auf die Bilder von Selbstgeißelungsdemonstrationen bezogen?

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