Freitag, März 31, 2006

Ein Aprilscherz oder doch einfach schlechte Nachrichten?

Noch weigere ich mich, es zu glauben. Da werden noch einige langjährige Feldversuche nötig sein, um mich zu überzeugen. Ich schließe auch Selbstversuche nicht aus, um mich von der Wahrheit zu überzeugen.

Angeblich, ich wiederhole: angeblich - soll Schokolade nicht glücklich machen.
Man müsste eine Lastwagenladung voll Schokolade essen um diesen Effekt zu erzielen, meint ein australischer Forscher. Nun hat man andererseits auch noch nicht gehört, dass australische Schokolade durch besondere Qualität auffallen würde. Mit welcher Schokolade wurde das denn überhaupt getestet? Prozentsatz des Kakaoanteils, Herkunft und Güte des Kakaos, welcher Chocolatier hat das Rezept bereitet? Wurden Unterschiede ermittelt zwischen, beispielsweise, deutscher, schweizer, belgischer und englischer, amerikanischer oder australischer Schokolade? In USA sind ja überhaupt nur diese schweineteueren organic chocolates genießbar. Da sieht der Markt in Kontinentaleuropa schon besser aus. Jedenfalls jede Mengen unbeantworteter Fragen.
Wir bleiben skeptisch ... und schreiten mal zu einem kleinen Selbstversuch.

Donnerstag, März 30, 2006

Gibt es noch politische Gedichte?

Heute bin ich durch eine Sendung des Bayerischen Rundfunks auf ein Gedicht aufmerksam geworden, dass Rolf Hochhuth vor einigen Jahren veröffentlichen wollte.
Weder der Spiegel noch die Zeit erklärten sich bereit, dieses Gedicht zu veröffentlichen.

Einige Jahre später bearbeitete Hochhuth das Thema dann in einem Theaterstück: "McKinsey kommt"

Hier das Gedicht, das Silvester 2001 im Tagesspiegel veröffentlicht wurde.

Aktien steigen, wenn Arbeitnehmer fallen

2001: Drei Großbanken schließen 970 Filialen
da der Staat zahlt, die "abgewickelt" stempeln gehen.
Deutsche Bank, ausgerechnet, beim triumphalen
Rekordgewinn, im 130. Jahr seit Bestehen:

9,4 Milliarden Reingewinn in einem Jahr!
schloss alle Filialen mit weniger als acht Angestellten.
Aussaniert; Freigestellt; Outsourcing: Vokabular
von Sadisten, die dank "Rechts"-Anwälten

Treue Mitarbeiter wegschmeißen - für Geldautomaten:
Felonie! Vorstandsdrohnen: Jahresgehalt 15,5 Millionen
dürfen alle Soziallast dem Staat aufladen
trotz regierender SPD ihre Shareholders schonen.

Die SPD stützt, was die nebbichem "Personal" zufügen
stellt sie steuerlich von jedem Gemeinsinn frei.
Da die Genossen längst das Volk mit dem S betrügen
braucht Europa eine revolutionäre Partei!

Dienstag, März 14, 2006

Die Letzte macht das Licht aus

Hier ein paar aktuelle Zahlen aus Spiegel Online:

Geburten in Deutschland 2005: 676 Tsd.
Geburten in Deutschland 2004: 706 Tsd.

Geburten in Nachkriegsdeutschland 1946: 922 Tsd.

Geburten in BRD und DDR 1964: 1.357 Tsd.

Oder anders verglichen (EuroStat-Angaben 2004):
Deutschland: 8,5 Geburten / 1000 Einwohner
Frankreich: 12,7
Großbritannien: 12,0


Passend zum Thema des demographischen Wandels und der schrumpfenden Städte und Regionen hat Spiegel Online auch eine
neue Serie gestartet. Hier ein Ausschnitt:

Der "demografische Wandel" finde "überall in Deutschland" statt,
doziert der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch, im Osten
allerdings habe er sich bereits zur "demografischen Katastrophe" ausgewachsen.
Busch: "Großstädte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus,
Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur
Hälfte ihrer Einwohner." Der Ökonom weiß, dass es für Außenstehende "kaum
vorstellbar" ist, "was es für eine Stadt mit früher mehr als 300.000 Einwohnern
wie Halle oder Magdeburg bedeutet, innerhalb von zwei Generationen auf 150.000
herunterzugehen".

Während die großen Städte schrumpfen, sterben bereits die
Dörfer. "Ganze Regionen wie Nordthüringen, Ostprignitz, Altmark, Uckermark,
Vorpommern und die Lausitz sind der Verödung preisgegeben," konstatiert Busch.
In Vorpommern beispielsweise, das
mit knapp 500.000 Einwohnern nur noch 65
Prozent der Bevölkerung von 1970 hat, würden Wüstungen, also aufgegebene
Siedlungsstätten, allmählich zum "Flächenphänomen", hat der Greifswalder
Bevölkerungswissenschaftler Helmut Klüter beobachtet.

Einwanderer ziehen nicht in die schrumpfenden Zonen. Dort und
anderswo, abseits der prosperierenden Städte und ihres Umlandes, vollziehen sich
sogenannte "kumulative Schrumpfungsprozesse", rotieren tückische Teufelskreise.
Wirtschaftsprobleme - Abwanderung - vermehrte Wirtschaftsprobleme - vermehrte
Abwanderung und so weiter und so fort: Eine Abwärtsspirale ohne Ende führt nach
dem Urteil der Experten dazu, dass sich Deutschland in Ost und West ähnlich
tiefgreifend verändern wird wie zuletzt im Mittelalter.

Uns zu diesem Thema passt eine Meldung anlässlich des Internationalen Tag des Waldes. Der breitet sich nämlich aus und wächst jährlich um eine Fläche von 160 Quadratkilometer. Dies entspräche der Größe einer Stadt wie Aachen. Dann wird Mecklenburg ja bald eine ausgedehnte Waldfläche haben. Und das Ruhrgebiet und das Saarland ... ... Etwa ein Drittel Deutschlands ist derzeit bewaldet.

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Freitag, März 10, 2006

Buchtipp

Passt eigentlich zum fehlenden Freitag in der Robinson Inszenierung der Kammerspiele:

Jungle World empfiehlt einen Reader zu Critical Whiteness Studies.

Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hg.):
Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland.
Unrast Verlag, Münster 2005, 540 Seiten, 24 Euro

Hier ein Ausschnitt von Susan Arndt und die Verlagswebsite zum Buch

Mittwoch, März 08, 2006

Gebärmuttertag

In der Frankfurter Rundschau haut Elke Buhr heute richtig schön zu.

Sie stellt fest, dass heutzutage Frau wieder besonders gerne als Mutter anerkannt wird. Und vor allem all die gemeinen, vaterlandsverratenden, akademisch gebildeten Frauen, die partout nicht reproduzieren wollen, sollen sachte in die Freuden der Mutterschaft gedrängt werden. Wenn schon nicht aus eigenem Antrieb, dann zumindest im Hinblick auf den Klassenerhalt. Denn "wir kriegen zu wenig Kinder" heißt immer auch, dass sich "die Anderen" vermehren wie die Karnickel. Und "die Anderen" ist in diesem Fall die Koalition der Nicht-Deutschen und der Nicht-Akademiker. "Seit dem Aufflammen des Karikaturenstreiks", stellt Buhr fest, "wird die Rede von der "demographischen Katastrophe" standardmäßig verknüpft mit dem Verweis auf die jungen, vitalen islamischen Gesellschaften beziehungsweise deren Enklaven im Westen. (...) Die Verteidigung der eigenen Werte kann offensichtlich nicht mehr diskursiv, sondern nur noch in Form von schierer Biologie gedacht werden: Mehr werden, damit die anderen nicht gewinnen."

Biologie scheint aber - und daran haben dreißig Jahre Feminismus scheinbar nichts verändern können - Sache und Aufgabe der Frauen zu sein. Frank Schirrmacher schlittert in seinem letzten Erguss auf seiner geistigen Altmännerrutschbahn auf "Komplimenten", die schon unsere Urgroßmütter nicht überzeugen konnten und deren inhärenter Seximus bereits im Kindergarten erkannt werden sollte. Die Frauen seien laut Schirrmacher schließlich das widerstandsfähigere Geschlecht, sie glänzten durch Selbstlosigkeit und Aufopferungsfähigkeit, sie würden gebraucht als sozialer Kitt.

Danke, Frau Buhr, für das Schlusswort: "Gestatten Frau und Gebärmutter, ich bin hier der soziale Kitt. Wo kann ich mich hinkleben?"

Sagt nicht, ihr hättet nichts gewusst

Es ist Internationaler Frauentag und die taz hat mal wieder ein wundervolles Dossier zum Thema gebracht. Es geht um die Mutterschaft als gesellschaftliches Auslaufmodell - oder doch nicht? Wo es doch an den Müttern, vor allem an den potentiellen Müttern noch zu gebärender Kinder liegt, dass unsere demographische Kurve mal wieder etwas positiver aussieht.

Nennt mich einen Feigling, nennt mich einfach Realistin. Bestimmte Dinge muss ich nicht machen, um zu wissen, dass sie mir nicht gefallen, keinen Spass machen und obendrein schmerzhaft sind. Selbstverstümmelung ist allgemein verpönt, aber mir ohne Not einen Dammriss oder dauerhafte Inkontinenz einzuhandeln soll erstrebenswert sein?

Hier schreibt Kirsten Meinze über die Themen, über die Schwangere nicht gerne sprechen und wovon manche junge Mutter dann meint, das hätte sie nicht gewusst.

Hier ein paar besonders schöne Stellen zum Thema "Halt die Klappe und sei glücklich":

Die Horrorgeschichten habe ich alle erst hinterher erzählt bekommen. Geschichten vom zerrissenen Schließmuskel einer Kollegin, vom Baby eines Bekannten, das von der Geburt eine Behinderung behielt, von einer Tante, die bei einer ähnlichen Geburt wie meiner, allerdings in Bolivien, gestorben war. Gemessen daran geht es dem Kind und mir gut. (...) Als ich die Horrorgeschichten anderer Frauen dann hörte, war ich bereits durch Scheiße gewatet. Von der Geburt des Riesenkinds blieb ein Riss einmal längs. Das Urinieren brannte, und gegen die 30-minütigen Krämpfe auf dem Klo half nur das Klistier. Ich konnte nicht gehen, stehen, sitzen, das Kind nicht heben. Als ich die Kollegin fragte, warum sie mir nie vom Schließmuskel erzählt hat, sagte sie, sie habe mich nicht ängstigen wollen.

Vom Kühlen der Dammwunde bekam ich eine Blasenentzündung. Es folgten eine Brustentzündung (Weiterstillen!, befahl die Kinderärztin), Ekzeme, grippale Infekte, noch mehr Blasenentzündungen (keine Medikamente, weiterstillen!). Ein halbes Jahr Rückbildungsgymnastik später machte ich mir beim Husten noch immer in die Hose. Dem Bus hinterherlaufen? Joggen? Undenkbar. Stattdessen sollten Stromstöße aus einer kleinen Sonde meinen überdehnten Beckenboden trainieren. Der Erfolg hielt sich in Grenzen: Als ich mich mit einem Magenvirus übergeben musste, lief die Blase aus - leider nicht zu Hause. Später fragte ich eine befreundete Mutter, ob auch sie inkontinent sei. Sie bejahte, ihr Freund staunte: "Kriegt man danach Probleme mit der Blase?"

Nur in einem Buch habe ich etwas über Blasenschwäche und postnatale Angst vorm Tod gefunden. Den Übergang in die Mutterschaft, hieß es da außerdem, umgebe eine Verschwörung des Schweigens. Ich fragte also meine Hebamme, warum niemand Klartext über das Elend nach der Geburt rede. Sie antwortete tatsächlich: "Dann haben die Frauen doch noch mehr Angst vorm Kinderkriegen."

In dem Buch stand noch, dass Menschen, die sich angemessen informiert und unterstützt fühlen, mit Stress besser fertig werden. Ja, schön wär's gewesen. So aber habe ich beschlossen: nie wieder.


Und Heide Oestreich ist für diesen schönen Satz in ihrem Artikel über "Das große Muttern" zu danken:
Gerade die kinderlosen Frauen verhalten sich nach einem urtümlichen Mutterinstinkt: Sie lehnen es ab, unter ungünstigen Bedingungen Kinder in die Welt zu setzen.

Barbara Dribbusch berichtet, dass Eltern ein größeres Risiko haben, unter Depressionen zu leiden als Kinderlose und Lebensglück und Zufriedenheit im Alter nicht vom Kindersegen abhängt. Also doch "Wonne auch ohne Windel"?
Die traurigere Stimmung bei den Eltern zeigte sich unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Die meisten Gruppen der Eltern berichteten "von deutlich mehr Depressionen" als Kinderlose, resümierten die Forscher der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee in der Studie, die unter dem Titel "Clarifying the Relationship Between Parenthood and Depression" im Journal of Health and Social Behavior kürzlich veröffentlicht wurde. (...)

Bei ihrer Untersuchung benutzten die Experten Datenmaterial von 13.000 US-Amerikanern, die nach depressiven Symptomen befragt wurden wie etwa Einsamkeitsgefühlen, Konzentrationsschwierigkeiten, Ess- und Schlafstörungen. Dies unterscheidet die Erhebung von anderen Glücksstudien, wo Menschen ihr subjektives Gefühl von "Zufriedenheit" angeben müssen.

In der neuen US-Studie zeigt sich allerdings ein Unterschied zwischen den Elterngruppen: Alleinerziehende haben es schwerer als verheiratete Paare. Auch Mütter und Väter, die kein Sorgerecht für ihre Kinder besaßen, zeigten mehr Traurigkeit. Wenn die Kinder noch klein sind, haben die Eltern überdurchschnittlich oft mit Verstimmungen zu kämpfen. Keine der Elterngruppen zeigte geringere depressive Anzeichen als die Kinderlosen.


Die wirklich erschreckende und depressiv stimmende Meldung zum Internationalen Frauentag ist jedoch, dass South Dakota ein rigoroses Abtreibungsverbot erlassen und damit die Erfolge der Frauenbewegung der 1970er Jahre wieder auf "Los" zurückgeschubst hat. Adrienne Woltersdorf beschreibt in ihrem Artikel "Ein neuer Kreuzzug" die neue amerikanische Politik und Gesetzeslage.