Montag, Januar 30, 2006

Noch ein Osthoff Update

Irgendetwas scheint diese Geschichte in unserem kollektiven Unterbewusstsein auszulösen. Es nimmt kein Ende.

Die FAZ am Sonntag (29.1.2006) bringt ein Interview mit dem deutschen Geschäftsmann und ehemaligen DDR-Diplomaten Rolf-Eckhard Giermann. Er ist davon überzeugt: "Susanne Osthoff hat keine Fehler gemacht".
Hart geht er indes mit der Rolle der Medien ins Gericht: "Diejenigen, die sich prinzipiell falsch verhalten, insbesondere im Moment, sind die Medien in Deutschland. Sie schaden dem Land, wie es schlimmer nicht geht."
Und auch der Arbeitgeber der jüngsten Entführungsopfer wird als vollkommen verantwortungslos handelnd kritisiert: "
Die Mitarbeiter wurden völlig unzureichend vorbereitet - man kann schon sagen - an die Front geschickt. Jeder hätte wissen müssen, daß Baidschi mit der gefährlichste Ort im ganzen Irak ist. (...) Das ist der erste Fall, den ich kenne, in dem Mitarbeiter so ins Feuer geschickt worden sind."

Das SZ Magazin brachte am 27.1.2006 einen Artikel von Hans Leyendecker. Er stellt einen Geschlechterkampf um das Thema Susanne Osthoff fest, bei dem die Frauen mit Sympathie für Frau Osthoff auf der einen und die Männer mit ihrer Ablehnung von Susanne Osthoff auf der anderen Seite zu verorten seien. Letztlich böte Frau Osthoff eine optimale Projektionsfläche für allerlei Stellvertreterthemen.
Danken muss man Herrn Leyendecker schon allein für eine schön beschriebene Situation, die im Zitat „Liebchen, sei doch bitte mal still“ gipfelt. "Das so feine Wort „Liebchen“ hat für die, die dabei waren in jener Runde, bis heute seinen drohenden Klang nicht verloren."
Bei Herrn Leyendecker liest sich die Kurzbiographie der Susanne Osthoff so:
Mit 17 rückte sie daheim aus, zog zu einer Freundin, studierte später Vorderasiatische Archäologie, Semitistik, Hebräisch, Aramäisch, Keilschrift, fuhr mit dem Motorrad durch die Sahara, lebte fünf Jahre mit einem irakischen Archäologen zusammen, der ein Despot war und sie ins Gefängnis brachte, als sie nicht spurte. Sie kam frei, lebte mit einem gut aussehenden Beduinen zusammen, bekam 1993 eine Tochter und schickte den Erzeuger dieser Tochter dann mit einem One-Way-Ticket nach Hause. Allein schlug sie sich durch, brachte Hilfsgüter in den Irak und versuchte, Grabungsstätten vor Plünderern zu schützen: „Ich schleppe Kisten von A nach B“, hat sie ihre Arbeit mal umschrieben. „Ich bin mein eigener Herr“, hat sie auch gesagt.
Schön ist auch, dass Herr Leyendecker an die Abenteurerin Isabelle Eberhardt (1877-1904) erinnert und eine Parallele herstellt.
Isabelle Eberhardt war eine Nomadin, die in Zelten wohnte und sogar wilde Idiome verstand. Sie sympathisiere mit „arabischen Elementen“, schrieb damals ein französischer Kolonialbeamter. Nachdem ein Attentat auf sie verübt worden war, musste sie „zu ihrem eigenen Schutz“ 1901 Algerien verlassen.
Wer hinter dem Attentat steckte, konnte nie geklärt werden. Sie nahm dann in Zeitungsartikeln ihre Attentäter in Schutz, was für viel Ärger sorgte. Der Schriftsteller Robert Randau bewunderte ihre „einzigartige Gabe, Notare, Korporale, Philister jeglicher Schattierung aus der Fassung“ zu bringen.
Eberhardts Reisebericht "Sandmeere" ist von Rowohlt 2004 neu aufgelegt worden. Ebenfalls im Herbst 2004 erschien der Band "Abenteuer in der Wüste" von Catherine Sauvat über das Leben von Isabelle Eberhardt. Ein Video zu ihrer Lebensgeschichte mit Mathilda May und Peter O'Toole wurde bereits 1990 veröffentlicht.


Und die Münchner report-Redaktion hat folgende Recherchen anzubieten, die den Fokus auf den BND und seine irakischen Kollegen richten.

Freitag, Januar 27, 2006

Was alles passieren kann

  • In den Palästinensergebieten gewinnt die Hamas die absolute Mehrheit.

  • Papst Benedikt schreibt seine erste Enzyklika über die Liebe: Deus Caritas Est.
    "Der zum 'Sex' degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen 'Sache'; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja der Mensch selbst wird dabei zur Ware."
    Das hätte mit ein paar Mal "Scheiße" versehen, René Pollesch nicht anders formuliert.

  • Interessante Forschungsprojekte: Sex ist gut gegen Nervosität und Lampenfieber

  • Noch ein interessantes Forschungsergebnis: Schizophrenie macht sexy

  • Wenig verwunderlich ist, dass die Armut im Irak stark angestiegen ist.

  • "Die spinnen, die Römer", wusste schon Asterix. Andere italienische Regionen sind nicht besser: Jetzt soll ein Gericht darüber entscheiden, ob die Existenz Jesus Christi eine historische Tatsache ist oder eine bloße Glaubensfrage.

  • Silvio Berlusconi wird mit dem Pinocchio-Preis für unverantwortliches unternehmerisches Handeln ausgezeichnet. Wo? In Davos. Dort tagt gerade auch das Weltwirtschaftsforum.

  • Und: ist eigentlich Kim Jong Il wieder aufgetaucht? Wo ist der? Wieso interessiert das niemanden?

Nochmal Osthoff

The Neverending Story.

Inzwischen sind noch zwei deutsche Ingenieure entführt worden, derweil Frau Osthoff in Bahrain von einem Auto angefahren wird. In Bahrain soll auch Michael Jackson in Frauenkleidern gesichtet worden sein. Vielleicht war der Autofahrer von diesem Anblick so entsetzt, dass er eine Fußgängerin umfuhr?

Das Osthoff-Interview mit dem heute-journal sorgt weiter für Gesprächsstoff, während sich herausstellt, dass Susanne Osthoff nicht für den Grimme-Preis nominiert wird.

Die FAZ bringt eine Mitschrift des "Vorgesprächs" zwischen Frau Osthoff und Frau Slomka und verlinkt auf die Transkription des Interviews.

Freitag, Januar 20, 2006

Schokosünde

Ach du liebes bisschen. Man ist ja sooooo ignorant. Oder haben Sie schon mal über den Zusammenhang von Schokolade und Kriegswirtschaft nachgedacht? Sehen Sie! Selbst mir als bekennender Schokoholikerin ist das niemals in den Sinn gekommen. Aber die kalten Fakten sind niederschmetternd.

Die taz berichtet heute über diese Zusammenhänge. Die Elfenbeinküste ist weltweit der größe Kakaoproduzent, Deutschland der größte Schokokonsument und viertgrößte Kakaoverarbeiter.
Weitere Fakten hier. Und der politische Hintergründe erhellende Kommentar hier und ein weiterer Bericht hier.
"Wer Schokolade isst, nährt den Krieg in der Elfenbeinküste."
Wo ist meine Lindt? *schnüff* Aber nein, das will ich wirklich nicht.

Globalisierung und Privatisierung haben diesen Zustand vorangetrieben.
"Laut EU-Studie ist der Marktanteil multinationaler Firmen am ivorischen Kakao zwischen 1997 und 2003 von 10 auf 30 Prozent gestiegen, während der einheimischer Kleinunternehmer von 43 auf 10 Prozent zurückging."
Einfache Lösungen gibt es nicht.
"Einfach den Export ivorischen Kakaos zu verbieten wäre unsinnig - es würde Millionen Bauern ins Elend stürzen und den Konflikt damit weiter anheizen. Aber die internationalen Ankäufer und Verarbeiter des Kakaos sollten ihren lokalen Anbietern Bedingungen stellen und auf die Einhaltung von Mindeststandards pochen. Und ihre Regierungen müssen sie notfalls dazu zwingen."

Quizverständnis, die Zweite

So langsam nimmt die Diskussion Fahrt auf.

Jetzt wird schon im Bundestag heftig über die baden-württembergische Regelung debattiert und, wie zu vermuten war, will Hessen nachziehen.

In der taz vom 19.1.2006 moniert Yasemin Karakasoglu, dass die Migrationsforschung in der Diskussion überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wird.

Sehr, sehr hübsch ist der Beitrag der ZEIT zur Diskussion. "Du schlagen Frau?", meint Mely Kiyak, sei der Kern der umständlichen Befragung. Die eigentlichen und entscheidenden Fragen, z.B. wieso man eingebürgert werden möchte oder ob man bzw. wie man zum Grundgesetz steht, werden nicht gestellt. Statt dessen diese krude Mischung von politisch korrekten Statements, denen man zustimmen soll oder die man abzulehnen hat.

Sehr schön und zutreffend sind die Bilder, die Frau Kiyak verwendet. Besonders gut gefallen hat mir folgendes:
"Aber in dem Leitfaden kommen diese Fragen ähnlich lächerlich versteckt daher wie ein als Laubstrauch getarnter Mensch in einer Fußgängerzone."
Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass das "Deutsch sein" ja kein alleiniges Problem der Einbürgerungswilligen ist, sondern im Gegenteil ein typisch deutsches Problem. Die alte Frage nach der Identität, dem Patriotismus, dem Nationalgefühl.

Kiyaks Fazit lautet:
"Der Fragebogen, so wie er zurzeit existiert, offenbart die arrogante Haltung der Politiker, die meinen, bei Einwanderern eine Einstellung kritisieren zu dürfen, die sie weiten Teilen der deutschen Bevölkerung nicht abgewöhnen konnten."

Samstag, Januar 14, 2006

Quizverständnis

In der heutigen taz ein Kommentar von Eberhard Seidel zum umstrittenen "Muslim-Test", der ja eigentlich ein Deutsch-Test sein soll, d.h. wer besteht, darf "deutsch" werden.

Seidel meint, dass die Debatte überwiegend ein Selbstverständigungsdiskurs der Mehrheitsgesellschaft ist, die sich "beweist", wie fortschrittlich sie selbst doch denkt.

"Je mehr des Bösen, Normabweichenden und Inkorrekten auf das Muslimische projiziert wird, desto heller, reiner und entwickelter erscheint das Selbst. Das ist eine einfache Wahrheit aus der Vorurteilsforschung. Eine weitere lautet: Eine Kultur des Ressentiments hat noch immer Repression und Gewalt der Mehrheit gegenüber der Minderheit zur Folge gehabt. Schon aus diesem Grund gebietet es der demokratische Anstand, den Muslim-Test in die Mülltonne der Geschichte zu treten."

Am Vortag vertrat Jan Feddersen sozusagen die "Gegenmeinung". Wobei mich ein Satz schon irritierte. Feddersen stellt fest, dass die Bundesrepublik das Grundgesetz über den Koran stellt und fährt mit Blick auf muslimische MigrantINNEN fort:
"Sie (die Frauen) müssen sich darauf verlassen können, dass die patriarchale Kultur, von der sie Abschied nahmen, bei uns nicht gesellschaftsfähig wird."
Entschuldigung, Herr Feddersen, habe ich was verpasst?? Wir haben in Deutschland gar keine patriarchale Kultur mehr? Ist das neu? Ist das seit wir ne Bundeskanzlerin haben? Ist jetzt alles gut?

Aber dass diese fremde, patriarchale Kultur "bei uns nicht gesellschaftsfähig wird" klingt ja geradezu so, als ob das seit Ewigkeiten ausgestorben sei oder so fremd, weil wir das ja überhaupt noch niemals gehabt haben.
Seit wann ist das Versicherungsprivileg der Männer abgeschafft?
Seit wann ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar?
Seit wann haben wir ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz?

Ich würde ja mal denken, dass die Frauen von einer patriarchalen Kultur in ne andere kommen. Dass patriarchale Kulturen eine große Bandbreite an Ausgestaltungsmöglichkeiten haben und manches extremer ist als in anderen, ist unbenommen. Trotzdem vermute ich, dass die Migrantinnen damit auch irgendwie gerechnet haben.

Oder meinte der Herr Feddersen ganz speziell dass "die patriarchale Kultur, von der sie Abschied nahmen, bei uns nicht gesellschaftsfähig wird"? Aber wie kommt er auf die Idee, dass das drohen könnte? Steht etwa die feindliche Übernahme des deutschen, christlichen Patriarchats durch das eingebürgerte, muslimische Patriarchat unmittelbar bevor? Hat der Herr Esser da etwa seine Finger im Spiel? (Das hieß ja damals nicht zufällig "Mannesmann", also quasi "Mann²" ...)

Außerdem meint der Herr Feddersen, dass ein Großteil der Gewalttaten gegen "Frauen ohne Kopftuch auf das Konto von jungen Männern gehen, deren Prägung eine muslimisch-patriarchale ist." Meinen Sie das wirklich, Herr Feddersen? All die kopftuchlosen Frauen (oder eben ein Großteil, aber so oder so, das ist ne Menge!!), die in Deutschland geschlagen, vergewaltigt, missbraucht werden? Also, ich glaube, dass die Gewaltstudien da was anderes sagen. Das sind ja dann doch gerne mal die christlich-patriarchal geprägten Ehemänner, Freunde, Väter, Brüder etc. die ihre Frauen ...
"Frauen ohne Kopftuch", was es alles für Geschlechterkategorien gibt heutzutage ...

Seltsam, seltsam ... als europäische bzw. deutsche Frau kann man sich da schon wundern. Da setzen sich so viele "unserer" Männer für die Frauenrechte der armen Musliminnen ein ... und zeigen sich hierzulande genervt von dem ganzen feministischen oder anti-sexistischen "Gedöns".

Die ganze Operation "Enduring Freedom" sollte ja die Afghaninnen von den Taliban befreien. Inzwischen kümmert sich kein Mensch darum, wie es den Afghaninnen geht. Aber neu ist diese Haltung ja keineswegs. Schon vor mehr als hundert Jahren setzte sich im britschen Protektorat Ägypten der Generalkonsul Lord Cromer für Frauenrechte und ein Ende der Verschleierung ein. Die niedrige Stellung der Frau stelle ein Hindernis für den "zivilisatorischen Aufschwung" dar, meinte der britische Lord. - Zuhause jedoch, in England, engagierte er sich in einem Verein, der vehement gegen das Frauenwahlrecht eintrat und war für seine konservativen Ansichten bezüglich Frauenrechten bekannt.

Na, so viel hat sich in den letzten 100 Jahren wohl doch nicht verändert.

Freitag, Januar 13, 2006

Traumdeutungsjubiläum

Pffff, vor lauter Einstein-Jahr-Ende und Mozart-Jahr-Hallo hätte man es beinahe verpasst:

2006 ist Sigmund-Freud-Jubiläumsjahr! 150 Jahre wäre der Analytiker mit der Couch geworden.


Gut, dass mich die NZZ darauf aufmerksam gemacht hat.

Und der ORF vergißt das natürlich auch nicht ...
... und das offizielle Programm zur Enthüllung des 21. Jahrhunderts findet sich hier.

Ausgeträumt

Der amerikanische Traum hat an Anziehungskraft verloren. Die Sterne Hollywoods glänzen nicht mehr so verführerisch wie früher. Wie einfach war es einst: Radio Free Europe, AFN ... und die deutsche Jugend sass vor dem Radio und hörte stolz die aktuellen Charts rauf und runter. Und die Eltern sagten nichts, weil Junior ja so fleißig Englisch übte.

Im arabischen Raum funktioniert es heutzutage nicht so gut mit der als Unterhaltung oder Information getarnten Propaganda. Hier ein Bericht dazu aus der NZZ vom 13.1.2006.

Wir sind Geisel

Ich liiiieeeebbbeee den Grimme-Preis!! Angeblich soll Susanne Osthoff für Ihre Interviews im Heute Journal (YES!) und bei Beckmann (hier die SZ dazu) für den Grimme-Preis nominiert werden. Die Begründung ist wunderbar! Osthoff habe die Erwartungshaltung der öffentlichen Meinung, zitiert der Spiegel, "beispielhaft unterlaufen und damit gezeigt, worin Freiheit wirklich besteht: im Verzicht auf Beifall und Zustimmung anderer." Hier ergänzend die Meldung der taz.
Das Heute Journal zieht es allerdings offensichtlich vor das ach so professionelle Interview der Frau Slomka aus den Archiven zu löschen. Ist mir eben beim Verlinken-Wollen aufgefallen. Das Osthoff-Interview, das man mal im Wortlaut nachlesen konnte, gibt es nicht mehr. Schade.


Und nochmals JA!!! Katharina Rutschky hat sich am 14.1.2006 in der taz sehr, sehr schlau (wie immer) zu Susanne Osthoff und anderen, früheren weiblichen Orient-Reisenden geäußert.


Und hier noch ein Artikel aus dem Tagesspiegel vom 11.1.2006

Jeder ist eine Geisel

Von „Bild“ bis „Beckmann“: Wie Susanne Osthoff zur deutschen Gesamtkronzeugin wurde

Von Harald Martenstein

Franz Josef Wagner ist Kolumnist bei der „Bild“-Zeitung. Seine Kolumnen sind immer „Briefe“. An Susanne Osthoff hat Wagner vier Mal geschrieben, zum ersten Mal kurz nach ihrer Entführung, zum vorerst letzten Mal am 28. Dezember. In der ersten Kolumne sprach er Susanne Osthoff so an: „Sie sind eine Kümmerin, sie sind anders als wir … Sie waren ein Soldat der Nächstenliebe … Heldin des Guten.“ Die letzte Kolumne hatte eine andere Tonlage. „Ich denke, dass für Susanne Osthoff Weihnachts-Lametta schimmliges Moos ist … Susanne Osthoff, die unbelehrbare Frau.“

Der Entführungsfall Osthoff war ein Meilenstein der deutschen Mediengeschichte. Das Missverhältnis zwischen dem Angebot an Fakten und der Nachfrage nach Einordnung und Einfühlung war selten so groß. Lange Zeit wusste man kaum etwas über die Hintergründe der Entführung, kaum etwas über die Person Osthoff. Selbst nach der Befreiung und den ersten Interviews blieb die Lage unübersichtlich. Osthoff konnte ein traumatisiertes Entführungsopfer sein, eine Exzentrikerin, eine verwirrte Person, Sympathisantin des Islamismus, jemand, der vor allem der eigenen Familie etwas beweisen möchte, oder keines von all dem. Möglich war vieles, denn die Hauptperson sagte nicht viel, nicht einmal in ihren Interviews.

Für uns, die Geschichtenerzähler, stellte sich zu Beginn der Affäre die Situation so dar: Auf der einen Seite gab es eine Nachfrage des Publikums. Das Publikum möchte Emotion. Das Publikum möchte Wahrheit. Vielleicht möchte das Publikum auch einfach nur, dass die Musik spielt. Der Entführungsfall war ein Drama ohne Hauptperson, ein Drama, dessen Handlung nur bruchstückhaft bekannt ist, ein Drama, das eigentlich nur aus dem Theatersaal und dem wartenden Publikum besteht.

Etwas musste gesagt werden.

So verwandelte Susanne Osthoff, die unbekannte Frau, sich zur weißen Leinwand, auf die von den verschiedensten Journalisten die unterschiedlichsten Weltsichten projiziert wurden. In „Bild“, wo sie immer Helden brauchen, war sie „Heldin des Guten“, später dann die Unbelehrbare. Erst Heilige, dann Hexe. Am 1. Dezember stand in „Bild“, nicht als Meinung, sondern als Tatsache: „Susanne Osthoff ist couragiert und tapfer.“ Am 28. Dezember wurde das gleiche Persönlichkeitsprofil mit einem Satz von entgegengesetzter Tendenz beschrieben: „Sie liebt starke Auftritte.“

Die Charité-Direktorin Isabella Heuser konnte, nach dem Betrachten eines Fernseh-Interviews, eine Diagnose stellen: „Sie kann nicht mehr klar denken.“ Im Tagesspiegel und in der „Berliner Zeitung“ erkannten Autorinnen in Susanne Osthoff das klassische Opfer des männlichen Blicks: „Sie benimmt sich nicht so, wie es dem geläufigen Frauenbild entspricht.“ Sie sei ein „freches Mädchen“. Diejenigen, die – wie zum Beispiel Heuser – an Osthoffs Verstand zweifeln, werden in der „Berliner Zeitung“ eines Ressentiments verdächtigt, des Ressentiments gegen Ehen mit Ausländern: „Die hat doch schon gesponnen, als sie in den Irak ging! Heißt es oft. Eigentlich bereits als sie einen ,Beduinen‘ heiratete und zum Islam übertrat! Deutsche Männer waren ihr wohl nicht gut genug!“ Osthoff ist hier ein Anlass für die Debatte über richtiges und falsches Frausein, ein Feld, auf dem feministische Schlachten geschlagen werden. Für den konservativen Juristen Alexander Gauland dagegen stand Osthoff – im Tagesspiegel am 27. Dezember – für die islamische Gefahr: „Nicht wirklich eine von uns“, „ihre Seele gehört einem anderen Gott“, „man kann nicht folgenlos zugleich innerhalb und außerhalb einer Nation leben“. Hier erschien die Entführung wie eine nicht ganz unverdiente Strafe für die Abwendung von Deutschland. Dass Osthoff immerhin das Opfer eines, womöglich muslimisch motivierten, Verbrechens war und keine Täterin (einer der wenigen Fakten, die festzustehen scheinen), gerät bei dieser Projektion in den Hintergrund.

In der „taz“ wird die befreite Osthoff zur Kronzeugin für den moralisch berechtigten Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer: „Für die deutsche Öffentlichkeit ist es irritierend, wenn eine deutsche Exgeisel im irakischen Fernsehen über die Besetzung des Irak und die Nöte der Iraker redet, über Geiselnehmer, die auch nur Menschen sind …“ Hier ist Osthoff nicht die Dissidentin, die Gott und Vaterland verlassen hat, sondern eine Mediatorin, die uns Nöte nahe bringt und Geiselnehmer, die „auch nur Menschen sind“. Allerdings sprengen Menschen dieser Art fast täglich andere Menschen in die Luft.

In der „Zeit“ tritt Susanne Osthoff als Negativbeispiel für den Ungeist der 68er auf, einen „Geist, wie er in den siebziger und achtziger Jahren verbreitet war. Viele waren da gegen den Staat und dennoch frei von Hemmungen, sich von ebendiesem Staat aus jeder erdenklichen Patsche helfen zu lassen.“

Susanne Osthoff war für uns alle da. Einige Wochen lang ist sie die ideelle Gesamtkronzeugin für fast jede denkbare Geisteshaltung gewesen. Im Fall Osthoff mussten wir wochenlang ohne Fakten auskommen, aber das hat uns nicht wirklich gestört. Wir sind eben, seit ein paar Jahren, keine Überbringer von Nachrichten mehr, wir verkaufen Emotionen, erzählen Geschichten, entwerfen Weltbilder, wir suchen nicht Distanz, sondern Nähe, wir vermengen das, was in den Zeitungen früher voneinander getrennt wurde, wir machen es inzwischen fast alle so ähnlich wie „Bild“. Jede Geisel muss für eine runde Geschichte stehen, ihr Schicksal muss eine Botschaft enthalten, sie darf nicht einfach nach Hause gehen, erleichtert sein und schweigen. Wer schweigt, macht sich verdächtig.

Wenn diese Maschine erst einmal läuft, kann keine Macht sie anhalten, so lange, bis es uns langweilig wird. Osthoff wurde Opfer eines Verbrechens, sie muss sich deshalb nicht für ihr Leben rechtfertigen. Sie muss nicht sympathisch sein. Solche Sätze sind Theorie. In der Praxis sieht es so aus, dass Osthoff sich bei ihren ersten Medienauftritten dumm angestellt hat und jetzt vor der Frage steht, ob sie als verrückte Rabenmutter in die Geschichte eingehen möchte, wer will das schon. Also musste sie zu Beckmann gehen, und Beckmann stellte ihr die Mutter aller Fragen: „Was war das für ein Gefühl?“

Der Wert des Rohstoffs Gefühl ist stark gestiegen, wie der Ölpreis. Durch die Emotionalisierung der Medien ist jeder Einzelne zur potentiellen Geisel geworden. Morgen könnten Beckmann oder der „Bild“-Chefredakteur selber an der Reihe sein. Wie stehen Sie zu Ihrer Mutter, Herr Beckmann? So gerecht ist das System schon. Wenn übrigens ich in dieser ersten Zeit einen Susanne-Osthoff-Artikel hätte schreiben müssen, dann hätte ich es genauso gemacht. Auch ich hätte meine ganz persönliche Susanne Osthoff gefunden, die zu mir passt.

Donnerstag, Januar 12, 2006

Irre Welt

Also, entweder ist die Welt langsam am Durchdrehen ... oder der Wunsch nach Isolation ist doch stark verbreitet ... kaum hat man mal keine Zeit, sich um die Welt und die Nachrichtenlage zu kümmern, überschlagen sich die Wirrnisse.


- da ist der britische Premierminister Tony Blair, der in einem Fernsehinterview für eine neue Initiative für "Problemfamilien" werben wollte und der sich dabei selbst ziemlich gegen die Wand fuhr. Da fragt die Journalistin ganz harmlos nach dem privaten Familienleben des Premierministers, der immerhin vierfacher Daddy ist. Und der rückt dann nach etwas Hin und Her damit heraus, dass er seinen ältesten Sohn geohrfeigt habe. Die Ausreden sind dann die üblichen ... man kenne den Unterschied zwischen einer Ohrfeige und Missbrauch ... aber die wirklich asozialen Familien, da müsse man was tun. - Gut, dass es immer die anderen sind. Auch bei Premiers.


- dann ist der Meister der Isolation, der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il, einfach verschwunden, verloren gegangen in den Weiten Chinas. Was ist denn bitte das jetzt??? Diktator verschollen. Entführung, Mord, Selbstmord ... alles möglich. Aber einfach ohne Grund oder Ankündigung abtauchen? Hallo, der kann doch nicht einfach die Achse des Bösen aufbrechen. Das geht nicht! Nicht mal Osama hat es gewagt einfach so zu verschwinden. Der ist zwar auch irgendwie weg, aber man darf noch annehmen, dass er irgendwo auch noch da ist ... eben irgendwo in den Bergen zwischen Pakistan und Afghanistan ... oder vielleicht doch Texas? ... Egal. Dabei war der nordkoreanische Diktator in "Team America" so wunderbar, geradezu anrührend. Der kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen. Team America!!! Tut was!
Das Allerbizarrste aber ist, dass nicht die Meldung des verschwundenen Diktators die Titelseiten der Zeitungen füllt, sondern das Ableben der 92jährigen Mutter von "wir-holen-die-WM-nach-Deutschland" Beckenbauer.


- eigentlich gingen alle davon aus, dass sich Deutschland nicht am Irak-Krieg der Willigen beteiligt habe. Aber nun stellt sich heraus, dass zwei BND-Agenten während des Krieges in Bagdad blieben und weiter ihren "Geschäften" nachgingen. Gerüchteweise sollen sie den Amerikanern geholfen und Bombenziele mitgeteilt haben.
Irgendwie habe ich dieses seltsame Gefühl, dass das Bekanntwerden dieser sehr streng riechenden Story irgendwie mit dem Fall Osthoff zusammenhängt. Frau Osthoff erwähnte ja die deutschen Geheimdienstler, wie die Deutschen sie im Stich gelassen haben während des Krieges etc. ... Kann das mal bitte jemand recherchieren, was da genau gelaufen ist? Vielleicht könnte der Herr Le Carre das fiktional aufbereiten, bitte schön?
Bis dahin soll erstmal ein Untersuchungsausschuss eingerichtet werden, um die Geschichte zu klärn. Das fordern jetzt auch die Grünen. Und Joschka soll und will von der ganzen Geschichte gar nichts gewußt haben. Hier der Spiegel-Bericht.
Und hier ein weiterer Spiegel-Bericht zur dunklen Seite von rot-grün.

Dienstag, Januar 10, 2006

Hör zu ... oder lies das

Eben eine wunderschöne Rezension in der NZZ entdeckt.

Hafid Bouazza: "Paravion"
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2005.
19,50 €

Hafid Bouazza wurde 1970 in Marokko geboren und wuchs in den Niederlanden auf.

Und kaufen kann man hier.


Und hier ganz, ganz was anderes: Henry James als Fiction Held.

Amerikanischer Vasall und jordanischer König

Tststs ... ok. Die USA haben den Internationalen Gerichtshof nicht anerkannt. Soweit, so schlecht.

Und was tut mancher Staat nicht alles für US-amerikanischen Good-Will. Ja, es ist blöd, wenn man als Staat im Nahen Osten keine teuren Bodenschätze hat. Andererseits auch wieder gut, weil dann weniger Begehrlichkeiten aufkommen und man halbwegs unbehelligt von fremden Streitkräften sein Leben leben kann. Aber gibt es wirklich keinen anderen Weg?

Jetzt hat das jordanische Parlament zugestimmt, dass US-Bürger in Jordanien Immunität vor einer Strafverfolgung durch den Internationalen Gerichtshof genießen. Geht's noch??? Oder ist das der erste Schritt um 51. Bundesstaat zu werden?

"Das Abkommen sichert Jordanien die Fortsetzung wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung durch die USA," heißt es in einem Agenturbericht, den die tageszeitung bringt. Nur die Souveränität Jordaniens interessiert keinen. Oder ist das hier ein nur wenig verdeckter Fall von knallharter Erpressung?

Oder ist Abdullah II. in seinem Herzen doch mehr Amerikaner als Araber?

Montag, Januar 09, 2006

The Lost Girls

Einer meiner Lieblingsromane ist "Das erste Jahrhundert nach Beatrice" des großartigen Amin Maalouf. Aber es ist nicht Fiction, sondern trauriger Fact, dass in verschiedenen Ländern, v.a. in Indien, aber auch in China, weibliche Föten abgetrieben werden. Das wird natürlich recht bald zu Problemen führen, wenn die Geschlechterverteilung derart aus dem Ruder läuft und die Bevölkerung aus vielen jungen Männern und wenigen jungen Frauen besteht. Dass das nicht lustig werden wird, kann man (und frau) sich vorstellen. Es gibt inzwischen auch schon einiges an wissenschaftlicher Literatur zum Phänomen und Problem dieser "missing women".

Nun also ein kleiner Einblick in die Thematik aus dem Spiegel und einen Tag später hat dann auch die tageszeitung nachgelegt.

Wir sprechen hier von 10 Millionen fehlenden Frauen in Indien (oder 500.000 abgetriebene weibliche Föten jährlich in Indien in den vergangenen zwanzig Jahren). Solange ist die pränatale Geschlechtsbestimmung schon möglich und wird entsprechend eingesetzt. Ist zwar nicht legal, aber wen kümmert das. Daher werden heutzutage Mädchen auch eher in den ärmeren Schichten geboren, die sich die teure Pränataldiagnostik nicht leisten können. Hier der Bericht aus der taz.

Und hier der taz-Bericht zur Situation in China.

Bedenkliches Update vom 13.1.2006:
In Tschetschenien wird überlegt, die Polygamie einzuführen.
Die vielen Kriegsjahre haben zu einem deutlichen Männermangel geführt, der durch die Vielehe geregelt werden soll ... ...

Freitag, Januar 06, 2006

Conspiracy Theories

Durch den Film des Dokumentarfilmers Wilfried Huismann ist die Frage "Wer ermordete JFK?" wieder aus den Untiefen der vergessenen Verschwörungen ans Tageslicht der ARD gekommen. Seine These lautet, das Fidel Castro hinter dem Attentat steckt.

Der Spiegel führt ein Interview mit einem US-amerikanischen Experten namens Lamar Waldron, der jüngst ein Buch veröffentlicht hat, in dem er die Mafia-Hypothese stützt. Klar, dass er da die Castro-These nicht befürwortet, sondern lieber Werbung für sein Buch macht.

Das launige Argument, mit dem das Interview endet, dass GWB schon längt auf Kuba einmarschiert wäre, wenn er glaubte, dass Castro mit dem Attentat etwas zu tun hätte, ist witzig, deutet aber eigentlich auf eine weitere, die CIA-Hypothese: dort war damals nämlich der Daddy von GWB der Chef und JFK hatte nach der missglückten Schweinebuchtgeschichte Konflikte mit seiner Agency. Und beim CIA musste ja auch nach der missglückten Suche nach den WMDs wieder mal ordentlich aufgeräumt werden.

Dienstag, Januar 03, 2006

Transgressional Bret

Hier ein recht amüsantes Interview aus der SZ mit Bret Easton Ellis zu seinem neuesten Roman "Lunar Park".

"Ich wollte einen Stephen-King-Roman schreiben", beharrt Ellis und vermutet, dass die Verleger glauben könnten, dass ernsthafte Leser keine Horrorromane mögen. "Ich hasse die Suburbiasatire. Ich musste die 100 Seiten Suburbiascheißsatire nur schreiben, damit ich diesen verdammten Terby durchs Schlafzimmer fliegen lassen konnte und er sich mit seinen Krallen auf die Kinder stürzen kann."

Als "Transgressional Fiction" wird die Literatur von Ellis und anderen AutorInnen seiner Generation von Elizabeth Young bezeichnet.

Update:
Inzwischen ist auch der Spiegel auf die Neuerscheinung von BEE aufmerksam geworden.

Noch n Update, 12.1.2006:
Der Rezensentin des Spiegel, Doris Plöschberger, hat "Lunar Park" leider gar nicht gut gefallen. Sie sieht sich geradezu vom heulenden Elend gepackt.

Weiteres Update, 14.1.2006:
Jetzt hat auch die taz den Schmöcker durch! Was Harald Fricke schreibt, klingt sehr einleuchtend. Und macht so richtig Appetit auf Lunar Park.

Liebe lesen

Ein Literaturtipp:

Eva Illouz: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus. Campus Verlag Frankfurt a. M./New York 2003; 297 S., 24,90 Euro

Und hier die Rezension von Elisabeth von Thadden.

Montag, Januar 02, 2006

Gleichberechtigung verwirklichen

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in ihrer ersten Neujahrsansprache diesen denkwürdigen Satz: „Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.”

Wie heißt es auf Kaiser-Deutsch so schön: "Schau mer mal ..."